Viktor Rossi: Beim Gipfeli ist die Regierung beim Du

Viktor Rossi: Beim Gipfeli ist die Regierung beim Du

Er kennt sich im Wankdorf so gut aus wie im Bundeshaus – Bundeskanzler

Eines vorweg: Man sieht es ihm nicht an, aber er ist älter als der Bundesrat. Nicht er persönlich natürlich, sein Amt gab es jedoch schon, bevor die moderne Schweiz gegründet wurde. Eigentlich müsste uns der Bundeskanzler somit bestens bekannt sein, aber was seine Aufgabe ist, erschliesst sich nicht sofort.

 

Fragen wir also denjenigen, der dieses Amt seit Anfang 2024 innehat: Viktor Rossi. Bereits zuvor sass Rossi als Vizekanzler im Bundesratszimmer an der wöchentlichen Sitzung der Landesregierung. Seit zwei Jahren ist der Berner sogar mit auf dem offiziellen Bundesratsbild. Den GLP-lern ist Rossi natürlich bestens bekannt. Schliesslich ist er seit Jahren Parteimitglied. Andere fragen sich, weshalb denn acht Leute auf dem Foto der siebenköpfigen Regierung abgebildet sind. Ist Rossi also quasi erster Ersatz?

 

Nein, aber selbst er räumt ein, dass es nicht einfach ist, in wenigen Sätzen zu erklären, was die Aufgaben eines Bundeskanzlers sind. «Dass ich der Stabschef unserer Gesamtregierung bin, bringt schon viel zum Ausdruck», nimmt er einen Anlauf, um dann zu betonen, es gehe darum, die Landesregierung beim Regieren zu unterstützen. Doch was so einfach gesagt sei, nehme im Alltag sehr viele anspruchsvolle und oft unerwartbare Formen an.

 

Er ist weder Merkel noch Merz

Mit Blick auf unser nördliches Nachbarland ist es schwierig sich vorzustellen, dass Rossi anders als ein deutscher Bundeskanzler nicht der Chef der Regierung ist, sondern vielmehr deren Unterstützer. Er verhehlt nicht, dass dies auch so manchen Würdenträgern im Ausland unklar sei und sich darum vielleicht sogar einmal eine Türe öffne, die sonst vielleicht verschlossen bliebe.

 

Und irgendwie wirkt Viktor Rossi auch sehr staatsmännisch – gerade, wenn ihm sein Bundesweibel Carlo Pfister etwas vorbeibringt. Das hat etwas Pompöses, aber ohne Protz.

 

Nicht selten bringt der gelernte Koch Pfister Kanzler Rossi einfach etwas zu essen. Wie sein Weibel hat auch Rossi vor Jahren eine Kochlehre absolviert. Die beiden verbindet aber noch mehr: Italien. Wobei: Eigentlich war es in Pfisters Fall vielmehr der Vatikanstaat. Hier war er bei der Schweizergarde tätig. Rossi pflegt zu scherzen, wie das halt so sei, gebe es nach dem Papst eigentlich nur noch eine Karrierestufe, «und die hat Carlo genommen und ist zum Bundeskanzler gekommen».

 

Möge die katholische Kirche ihm verzeihen, dass er sich im Scherz über den Heiligen Vater stellt, Rossis eigener Vater und dessen Familie, die aus der Region von Napoli kommt, ist jedenfalls der Grund, für die Verbindung des Kanzlers zu Italien – und für seine Doppelbürgerschaft.

 

Napoli ist für den 57-Jährigen nicht bloss eine zweite Heimat mit gutem Essen – «Spaghetti aglio e olio con peperoncino» – sondern für den Fussballfan auch ein Hoffnungsgeber: Möge bei YB der Erlöser ebenfalls vorbeikommen, ein Diego Armando Maradona. Dessen Verehrung zeigt in der Stadt am Vesuv durchaus religiöse Züge.

 

Bislang lässt sich in der Bundesstadt aber kein solcher Retter blicken, was dem Feuer Rossis für den BSC Young Boys keinen Abbruch tut. «YB ist natürlich eine Herzblut- Angelegenheit für mich. Ich geniesse die Spiele mit meiner ganzen Familie. Das Wankdorf ist für mich ein Ort, an dem ich Energie tanke. Einer, an dem ich Emotionen rauslassen kann, die man sonst im Alltag, im Sitzungszimmer etwa, nicht akzeptieren würde», sagt Rossi lachend.

Nach der Sitzung ist vor der Sitzung

Damit sind wir wieder im Bundeshaus-West. Hier trifft sich der Bundesrat meist mittwochs zur ordentlichen Sitzung. «Ich bin mitverantwortlich dafür, dass er dort die bestmöglichen Entscheidungsgrundlagen hat», versucht sich Rossi ein weiteres Mal im Stellenbeschrieb – um diesen gleich wieder zu verkomplizieren: «Es gibt zwei Bundeskanzler-Leben, wenn man das so sagen will.» Das eine sei das strukturierte, das sich um die Bundesratssitzung drehe. Deren Vorbereitung fange für ihn jeweils in der Vorwoche an. Schon am Donnerstagmorgen, es sei alles durchstrukturiert bis zur Vorbereitungssitzung am Dienstagabend mit dem amtierenden Bundespräsidenten, also aktuell Guy Parmelin.

 

«Und dann ist da der eher unstrukturierte Teil.» Die vielen Gespräche zum Beispiel, die es braucht, damit allen Ansprüchen Rechnung getragen werden kann und die komplizierte politische Maschine läuft. Und dann obliegen der Bundeskanzlei noch viele andere Aufgaben. Beispielsweise ist sie zuständig für die politischen Rechte und das, was mit diesen zusammenhängt. «Initiativen, Referenden und die Weiterentwicklung dieser Rechte.» Zur Weiterentwicklung dieser Rechte gehört unter anderem das E-Voting. Für den E-Voting-Versuchsbetrieb unterstützt die Bundeskanzlei (BK) die vier Versuchskantone St. Gallen, Thurgau, Graubünden und Basel-Stadt. Die seit 2023 bisher durchgeführten 11 Urnengänge verliefen äusserst positiv. In Basel-Stadt erlitt E-Voting bei der Abstimmung im März jedoch einen Rückschlag.

 

Rossi will nicht von einem Rückschlag reden. Er sagt «Zwischenfall». Schliesslich ist die elektronische Stimmabgabe noch im Versuchsbetrieb, da können Fehler geschehen. Aufgrund der bewusst eng gesetzten Rahmenbedingungen sollen sich diese nur sehr beschränkt auf das Gesamtergebnis auswirken. Wichtig war insbesondere, dass der Fehler ausserhalb des E-Voting-Systems, welches von der Post geführt wird, geschehen ist. Jetzt gehe es darum herauszufinden, weshalb man in Basel-Stadt verschiedene elektronisch abgegebene Stimmen nicht auslesen konnte. «Ich war am Abstimmungssonntag wohl nicht der Einzige, der froh war, dass die Abstimmungsergebnisse nicht so knapp waren, dass es aufs Basler E-Voting ankam.»

 

Der Kanzler stellt klar: «Ich nehme den Basler Fall sehr ernst.» Denn das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in unsere Demokratie sei zentral.

 

Nachdem bei Unterschriftensammlungen für Volksinitiativen verschiedentlich Unterschriften gefunden worden waren, die gefälscht sein dürften, hat dieses Vertrauen gelitten. An Rossi ist es in solchen Fällen jeweils, dieses mit seiner unaufgeregten Art wieder herzustellen.

 

Hier, so lässt Rossi durchblicken, profitiert er heute noch von seiner Ausbildung bei Ernesto Schlegel im Restaurant Du Théâtre in Bern. «Da sind manchmal die Zoggle geflogen in der Küche.» Das sei halt noch alte Schule gewesen. «Ich sage gäng, es gab da auch noch nonverbale Kommunikation.» Aber er habe dort viel fürs Leben gelernt. «Was zählt ist der Teller vor dem Gast. Er ist das Ergebnis der Arbeit von so vielen, wenn das Team nicht optimal harmoniert, sieht er nie gut aus. Vor allem schmeckt er nie so, wie man selbst den Anspruch hat und wie das der Gast erwartet.» Habe es das Team vergeigt, «wird das nicht Monate später im Jahresgespräch diskutiert, sondern dann kommt das Feedback zusammen mit dem Teller sogleich zurück».

 

Für eine Bundesrätin hat er schon gekocht

Rossis Ausbildungsstätte hatte einen exzellenten Ruf. Auch der Bundesrat ging dort essen. So kam es, dass der heutige Kanzler während seiner Lehre einmal auf dem Landgut Lohn im bernischen Kehrsatz für Bundesrätin Elisabeth Koch kochen durfte. Für den Gesamtbundesrat hat Viktor Rossi jedoch noch nie Essen zubereitet. Und dies, obwohl er seine Gspänli aus der Regierung nicht bloss wöchentlich sieht, sondern nach der Bundesratssitzung isst die Landesregierung auch zusammen.

 

Wie ist der Bundeskanzler eigentlich Grünliberal geworden? «Ich war 2008 Rektor einer Berufsfachschule in Biel. Mich hat der Slogan überzeugt: Nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts.» Für ihn sei die Politik damals viel zu sehr von diesem Links-Rechts-Schema geprägt gewesen. So sei er an den Gründungsanlass der Sektion Biel-Seeland gegangen. «Ich weiss gar nicht mehr, wie und wo ich den Slogan aufgeschnappt habe, aber ich fand ihn interessant, bin hingegen und die Leute, die ich dort getroffen habe, haben mich überzeugt. Und das war der Tag, an dem ich GLP-Mitglied geworden bin.»

 

Für den Kanzler ist es normal, dass man sich innerhalb der Partei du sagt. Während der Bundesratssitzungen wird aber gesiezt. Und das auch, wenn zwei Personen der selben Partei angehören. Rossi begrüsst das: «Man verhindert so eine Kaffeerundenstimmung. Jede und jeder ist sich bewusst, dass man in dieser Sitzung eine institutionelle Rolle wahrnimmt. Man sitzt dort als Departementschef oder -chefin. Man tagt da als Gesamtregierung.» Mit dem Siezen bringe man das zum Ausdruck. «Wenn wir dann zum Mittagessen gehen, aber auch schon vor der Bundesratssitzung und in der Kaffeepause ist man per du.»

 

Und, betont der Bundeskanzler, die Kaffeepausen könnten enorm wichtig sein, wenn sich die Regierung zum x-ten Mal über ein Dossier beuge, aber nicht weiterkomme. Kurz den Kopf lüften, Einzelgespräche dazu führen, vielleicht aber auch etwas anderes besprechen, und plötzlich löst sich der Knopf.

 

Man merkt, wichtig ist dem kochenden Kanzler das Kulinarische. Doch wen auf dieser Welt würde der Bundeskanzler gerne einmal bekochen? Den YB-Erlöser etwa, wenn er denn jemals kommen sollte? Viktor Rossi lacht verschmitzt, blinzelt und sagt: «Auf den Erlöser warten will ich nicht. Aber mit dem Berndeutsch-Schriftsteller Pedro Lenz über sein Maradona-Buch zu sprechen, das wäre mir ein Vergnügen.»